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Neuigkeit vom 14. Oktober | zur Übersicht

Berufsbezeichnung „Wirtschaftsingenieur(in)“ in Gefahr

Im Rahmen verschiedenster Gesetzgebungsaktivitäten der Bundesländer ist die Möglichkeit gefährdet dem Bachelor-/ Master-Zeugnis ein sog. „Diploma Supplement“ beizulegen. Dieses „Diploma Supplement“ verleiht das Recht die Berufsbezeichnung Wirtschaftsingenieurin bzw. Wirtschaftsingenieur zu führen. Grundgedanke bei dieser Vorgehensweise ist eine verbesserte Arbeitnehmerfreizügigkeit sowie Fachkräftesicherung innerhalb der EU, aber auch eine verbesserte Integration von Fachkräften aus Drittländern.

Bezüglich der Führung unserer Berufsbezeichnung zeichnen sich seit Mitte letzten Jahres mehrere beunruhigende Entwicklungen in Deutschland ab. Nachdem aufgrund der Bologna-Reform die akademischen Grade Dipl.-Ing., Dipl.-Wi.-Ing., Dipl. Wirtsch.-Ing. usw. nicht mehr, sondern europaweit nur noch Bachelor- bzw. Mastertitel mit den Zusätzen „of Arts“, „of Science“ oder „of Engineering“ von den Hochschulen vergeben werden, konnte jedoch bisher im Rahmen der dem Zeugnis beiliegenden Begleiturkunde, dem „Diploma Supplement“, den Absolventinnen und Absolventen von den Hochschulen und Universitäten das Recht verliehen werden, die Berufsbezeichnung Wirtschaftsingenieurin bzw. Wirtschaftsingenieur zu führen.

Diese Praxis wird nun durch verschiedene Gesetzgebungsaktivitäten in den Bundesländern gefährdet. Mit dem Ziel der verbesserten Arbeitnehmerfreizügigkeit und Fachkräftesicherung innerhalb der EU, aber auch zur verbesserten Integration von Fachkräften aus Drittländern wurden die rechtlichen Regelungen auf der EU-Ebene (Richtlinie RL 2005/36/EG vom 7. September 2005, geändert durch RL 2013/55/EU) entsprechend aktualisiert und angepasst. Entsprechend dem nationalen Anerkennungsgesetz des Bundes vom 6. Dezember 2011 waren die Bundesländer aufgefordert, diese Richtlinie in ihre entsprechenden Ländergesetzgebungen zu integrieren.

Diese Situation wurde nun von Ingenieurkammern einiger Bundesländer genutzt, um weitgehende Forderungen hinsichtlich ihrer Rolle bei der Bestimmung der inhaltlichen Ausgestaltung von Ingenieurstudiengängen sowie auch der Kontrolle und Genehmigungshoheit für die Führung der Berufsbezeichnung „Ingenieur“ zu beanspruchen. Die Kammern sind hier häufig beratend bei den Wirtschaftsministerien der Länder in den Entwurf der entsprechenden Landesgesetze eingebunden.

Die Forderung der Kammern bezieht sich dabei zumeist ausdrücklich auch auf alle Berufsbezeichnungen mit dem Zusatz „-Ingenieur(in)“ und damit auch auf die Berufsbezeichnung „Wirtschaftsingenieur(in)“. Die inhaltlichen Forderungen hinsichtlich der fachlichen Ausgestaltung der Studiengänge gehen dabei in einigen Bundesländern teilweise bis zu 80 Prozent MINT-Anteilen im Bachelor- oder Masterstudium.

Das widerspricht klar und im Kern dem Geist sowie der Praxis der Gestaltung von Wirtschaftsingenieurstudiengängen, die seit jeher mindestens einen ingenieurwissenschaftlichen, einen wirtschaftswissenschaftlichen und einen integrativen Anteil an Studienfachgebieten aufweisen – das traditionelle Erfolgsmodell des Wirtschaftsingenieurstudiums.

Das ist aus Sicht des VWI inakzeptabel und beschädigt den Ruf der Fach-disziplin Wirtschaftsingenieurwesen. Dies entspricht auch den Stellungnahmen des Fachbereichs- und Fakultätentages Wirtschaftsingenieurwesen (FFBTWI) vom 14.12.2015 sowie den vergleichbaren Stellungnahmen anderer Ingenieurverbände sowie weiterer Interessengemeinschaften unter der Koordination des VDI.

Die integrative Struktur des Wirtschaftsingenieurwesens mit ausgewogenen Anteilen an Studieninhalten aus den Bereichen Ingenieurwissenschaften, Wirtschafts-, Rechts- und Sozialwissenschaften sowie technisch-wirtschaftlichen Integrationsfächern ist seit über 80 Jahren ein zentrales Wesensmerkmal des Wirtschaftsingenieurstudiums und begründet seinen großen Erfolg in der Wirtschaft und insbesondere in Technologieunternehmen. Das belegt auch die Berufsbildstudie des VWI „Wirtschaftsingenieurwesen in Ausbildung und Praxis“ (vgl. Baumgarten et al. 2015).

Die entsprechenden Strukturvorgaben für die Studienanteile wurden vom VWI in dem in Zusammenarbeit mit dem FFBTWI erarbeiteten Qualifikationsrahmen Wirtschaftsingenieurwesen niedergelegt und gelten als Richtlinie für die Akkreditierungsagenturen im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen in Deutschland.

Aus Sicht des VWI wird durch den Qualifikationsrahmen Wirtschaftsingenieurwesen die Qualität des Wirtschaftsingenieurstudiums in ausreichendem Maße abgesichert. Die Qualitätsbeurteilung von akademischen Studieninhalten und damit die Vergabe von akademischen Abschlüssen sowie die Verleihung entsprechender akademischer Grade und die entsprechenden Berufsbezeichnungen kann und muss allein in der Zuständigkeit der Hochschulen und Universitäten bleiben.

Gerade in Deutschland sind eine hohe Zahl an Führungspositionen in Technologie- und Hochtechnologieunternehmen mit Wirtschaftsingenieurinnen und Wirtschaftsingenieuren besetzt. Die Umsetzung einiger Ländergesetzentwürfe in ihren jeweils aktuellen Fassungen hätte gleichsam ein Berufsverbot von Wirtschaftsingenieuren in diesen Ländern zur Folge. Das ist nicht akzeptabel.

Entsprechend all dieser Forderungen ist der Vorstand des VWI im Schulterschluss mit dem Vorstand des FFBTWI, dem VDI und anderen ingenieurwissenschaftlichen Verbänden in den letzten Monaten aktiv, über Eingaben, Stellungsnahmen und dem Besuch von Anhörungen die Landesgesetzgebungsverfahren entsprechend mitzugestalten.

Ob ein im Dezember von der Wirtschaftsministerkonferenz der Länder verabschiedete Initiative zur Schaffung einer bundeseinheitlichen Regelung Erfolg haben wird, ist abzuwarten. In jedem Fall werden wir mit unseren Partnerverbänden hier deutlich unsere Interessen vertreten.

Prof. Dr. Christian Schuchardt, Vorstand VWI

Dieser Artikel erschien zusätzlich in der t&m Ausgabe 1/2016.

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