carsten Kratz BCG

Quelle: BCG

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Carsten Kratz hat an der TU Darmstadt Wirtschaftsingenieurwesen studiert und arbeitet seit 1990 für die Boston Consulting Group (BCG). Im Mittelpunkt seiner Arbeit stehen Themen wie Strategieentwicklung, operative Effizienzsteigerung und Organisationsentwicklung. Die Begleitung umfassender Transformationen gehört ebenfalls zu seinem Repertoire. Besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit – gerade in jüngerer Vergangenheit – sind datengetriebene Transformationen, bei denen „Digital & Analytics“ im Mittelpunkt stehen. Er berät zahlreiche Kunden aus verschiedenen Branchen wie Industrie, Konsumgüter, Private Equity und dem öffentlichen Sektor. Von 2013 bis 2019 war Carsten Kratz Deutschlandchef und hat seine Rolle im April dieses Jahres turnusgemäß an seinen Nachfolger übergeben. Ende September wird Carsten Kratz, der seit April Chairman für Deutschland und Österreich ist, BCG verlassen.

Herr Kratz, warum haben Sie Wirtschaftsingenieurwesen studiert?
Ich war schon als Kind ein Tüftler und mir war schnell klar, dass ich diese Leidenschaft auch in meinem Berufsleben verwirklichen möchte. Gleichzeitig wuchs während meiner Schulzeit der Wunsch, eine Management-Laufbahn einzuschlagen. Daher war und ist das Wirtschaftsingenieurwesen die perfekte Kombination für mich. Der Chef meines Vaters sagte mir einmal, das sei weder Fisch noch Fleisch. Das hat mich dann schon etwas zum Grübeln gebracht. Aber heute weiß ich: Es ist Fisch und Fleisch – und jeder weiß, dass eine ausgewogene Ernährung gesund ist…

Welche Skills, die Sie im Studium erlernt haben, waren für Ihren Werdegang besonders wichtig?
Das Studium ist sehr anspruchsvoll. Wer sich als Ziel gesetzt hat, den Abschluss in einem überschaubaren Zeitraum zu machen, merkt schnell: Hier sind Disziplin und Struktur gefordert. Das sind zwei Tugenden, die in meinem Berufsleben seit jeher eine sehr wichtige Rolle spielen. Fachlich gesehen, hilft mir die Kombination aus Ingenieursdenken und Businessperspektive immer wieder. Wenn man ein technisches Verständnis mitbringt, bekommt man bei der wirtschaftlichen Betrachtung eines Unternehmens ein ganz anderes Gefühl für die Produkte und Dienstleistungen, die die Mitarbeiter oft mit Hingabe und Leidenschaft erarbeiten. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Frage nach Orientierung und dem so genannten „Purpose“ eines Unternehmens immer stärker in den Vordergrund rückt, ist das sehr hilfreich.

Welche Bedeutung hat für Sie als Wirtschaftsingenieur der Faktor Interdisziplinarität?
Interdisziplinarität ist einer der wichtigsten Faktoren in der Arbeitswelt und weit darüber hinaus. Angesichts der neuen Technologien und des rasanten Tempos, in dem sie unsere Welt verändern, kommt man mit Scheuklappen-Denken nicht weiter. Hier sind verschiedene Perspektiven gefragt. Denn Vielfalt ist ein Treiber für Innovation, das haben wir bei BCG sogar empirisch belegt. Die Bedeutung von Vielfalt gilt dabei nicht nur für Disziplinen, sondern für viele Facetten wie Herkunft, Geschlecht oder Kultur.

Sind aus Ihrer Sicht Absolventen und Professionals mit einem weiten Horizont momentan besonders gefragt?
Zunächst einmal bin ich davon überzeugt, dass die meisten Studenten keinen limitierten Horizont haben. Ich erlebe immer wieder aufs Neue, dass es nicht vom Studiengang abhängt, wie aufgeschlossen jemand ist. Wer bereit ist, offen an Dinge heranzugehen, verlässt die Uni mit einem weiten Horizont. Und das ist wichtig. Natürlich brauchen wir Spezialisten und Experten in bestimmten Gebieten. Wer seine Fähigkeiten aber auch auf Problemstellungen aus anderen Bereichen anwenden kann, hat einen viel größeren Hebel, sein Know-how gewinnbringend einzusetzen.

Stichwort weiter Horizont: Welches Thema beschäftigt Sie gerade besonders und warum?
Klimaschutz und Artenvielfalt stehen ganz oben auf der Agenda. Die Frage, wie wir unsere Lebensweise und unser Wirtschaften nachhaltig gestalten, ist eine der drängendsten unsere Zeit. Das zeigen nicht zuletzt die Fridays-for-Future-Proteste und die Ergebnisse der jüngsten Wahlen und Umfragen.
Stichwort weiter Horizont: Das Thema beschäftigt mich schon seit einiger Zeit, unter anderem in meiner Rolle als Verwaltungsratsmitglied der Senckenberg-Stiftung. BCG hat mit der Studie „Klimapfade für Deutschland“ erarbeitet, ob und wie sich die Klimaziele erreichen lassen. Mit eindrucksvollen Ergebnissen. Die notwendigen Technologien gibt es bereits und Deutschland kann sich den Klimaschutz nicht nur leisten, sondern könnte davon sogar wirtschaftlich profitieren – wenn wir jetzt entschlossen handeln.
Wir müssen die Dinge systemisch betrachten, also alle möglichen Hebel gleichzeitig bewegen. Beispielsweise ist die Diskussion, mit welchem Strom die Batterie eines Elektroautos geladen wird, nicht zielführend: Wir müssen so schnell es geht möglichst viele Elektroautos auf die Straßen bringen und parallel konsequent die Energiewende vorantreiben. Nur so haben wir eine Chance, mittelfristig den Schritt in die Elektromobilität zu schaffen – mit Batterien, die mit grünem Strom geladen werden!

Von welcher technischen und/oder gesellschaftlichen Entwicklung erwarten Sie in den kommenden fünf bis zehn Jahren ein die Zukunft besonders prägendes Potenzial?
Wir leben in einer von Daten getriebenen Welt. Wir produzieren so viele Daten wie niemals zuvor – allein ein Internetstar wie Kim Kardashian produziert schon ohne Weiteres mehr als 0,5 Gigabyte pro Tag. Ein intelligentes Auto, das über Sensoren und Kameras Daten sammelt, schafft täglich sage und schreibe 30 Terabyte. Und genau hier beginnt die eigentliche Datenexplosion. Denn die Vernetzung von Dingen nimmt erst richtig Fahrt auf. Jeden Tag werden 5,5 Millionen neue Gegenstände mit dem Internet der Dinge verbunden. Darin liegt eine riesige Chance für Deutschland mit seiner industriellen Basis und den entsprechenden Maschinendaten – also wiederum auch eine riesige Chance für alle (Wirtschafts-) Ingenieure.
Es werden diejenigen erfolgreich sein, die es schaffen, diese Daten nicht nur zu sammeln, sondern sie greifbar zu machen, sie zu analysieren und darauf aufbauend neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Daher ist Digital & Analytics einer der Megatrends, der die Zukunft entscheidend prägen wird.

 

In den Sommerinterviews befragt der VWI in loser Folge Wirtschaftsingenieure und Wirtschaftsingenieurinnen, die wichtige Positionen in Industrie und Lehre innehaben, zu ihrem Blick auf das Berufsbild.

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